Von Michael ten Hompel | Fraunhofer IML – Wann immer in den vergangenen Jahren über die Fabrik der Zukunft gesprochen wurde, beherrschte ein Bild die Diskussion: die »menschenleere Fabrik«. Eine sozial vernetzte Industrie, die Social Networked Industry, stellt den Gegenentwurf dar.

Mensch und Maschine sollen in (digitalen) sozialen Netzen bzw. Netzwerken (»Social Networks«) in einer vernetzten Industrie (»Networked Industry«) miteinander kommunizieren.

Das Konzept der (voll-)automatisierten Fertigung galt wegen der niedrigen Kosten lange Zeit als Garant für absolute Leistungsfähigkeit und Effizienz. Doch inzwischen weiß man: Die Flexibilität der Produktion bleibt in der »menschenleeren Fabrik« auf der Strecke. Flexibilität ist allerdings ein wesentlicher Zukunfts- und Wettbewerbsfaktor für die Industrie: Die Nachfragestruktur der Konsumenten hat sich verändert, individualisierte Produkte stehen schon seit längerem im Fokus. Die Industrie muss die schnelle und einfache Veränderung von Strukturen vorantreiben. Dabei setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Mensch in diesem System einen neuen Platz einnehmen kann und muss. Schließlich ist es die unbestrittene Stärke des Menschen, flexibel auf geänderte Prozesse Abläufe und räumliche Veränderungen zu reagieren können. Ein hoher Anteil an manuellen Tätigkeiten ermöglicht nachweislich eine hohe Flexibilität.

Der Mensch rückt ins Zentrum

Um dem heutigen Wunsch der Kunden nach individuellen preisgünstigen Produkten nachzukommen, müssen die Stärken der manuellen und der maschinellen Arbeit – das heißt: Flexibilität und Effizienz – kombiniert genutzt werden. Was es dazu braucht, ist ein völlig neuartiges sozio-technisches System, in dem Menschen und Maschinen als Team zusammenarbeiten.

Als Vorbild für die neue Zusammenarbeit und Kommunikation können dabei die sozialen Netzwerke mit ihrem hohen Grad an Vernetzung und der Möglichkeit, zu agieren bzw. zu interagieren, dienen. Auf die Fabrik der Zukunft übertragen bedeutet dies: Mensch und Maschine sollen in (digitalen) sozialen Netzen bzw. Netzwerken (»Social Networks«) in einer vernetzten Industrie (»Networked Industry«) miteinander kommunizieren. Diese neue Social Networked Industry steht für eine Industrie 4.0, die den Menschen (wieder) stärker ins Zentrum der Produktion rückt und sich seine spezifischen (Kommunikations-)Fähigkeiten zunutze macht. Das Leitbild einer solchen sozial vernetzten Industrie ist damit sozusagen der Gegenentwurf zu menschenleeren Fabrik.

Zu den großen Herausforderungen zählt dabei die dem System Industrie 4.0 immanente Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg. Produktion und Logistik verschließen sich schon längst nicht mehr der Tatsache, dass Wertschöpfung in Unternehmensnetzwerken stattfinden muss. Dabei werden sich Unternehmen allerdings auch daran gewöhnen müssen, dass nicht nur Strukturen, sondern auch Geschäftsmodelle aufgrund des technologischen Fortschritts permanent auf dem Prüfstand stehen. Das spricht einmal für das Konzept der »Social Networked Industry« mit seinem Bedeutungszuwachs des (flexiblen) Menschen.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit

Im Ergebnis geht von dem Leitbild der Social Networked Industry ein wichtiges Signal unserer Zeit aus:  Industrie 4.0 braucht den Menschen und dient dem Menschen. Damit die Vision der gemeinschaftlichen Arbeit von Menschen und Maschinen Wirklichkeit werden kann, muss sich die Industrie die neue Art der Zusammenarbeit einlassen, die Menschen müssen bereit sein, lebenslang zu lernen, und die Maschinen müssen mit einem »maschinellen Verantwortungsbewusstsein« ausgestattet werden. Das Verhältnis des Menschen zu intelligenten Maschinen wird sich dann in eine Richtung entwickeln können, in der wir auch in der Mensch-Maschine-Kommunikation von einer Art »vertrauensvollen Zusammenarbeit« sprechen werden.

Konkrete Schritte zur Entwicklung eines positiven Zukunftsbilds von Industrie 4.0, in der Menschen und Maschinen gleichsam in einem Team arbeiten, sind durch neue Forschungsvorhaben und Netzwerke bereits eingeleitet.

Dortmund, März 2017

Über den Autor

Prof. Dr. Michael ten Hompel ist Inhaber des Lehrstuhls für Förder- und Lagerwesen an der Universität Dortmund und geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML und des Weiteren Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST.